Das Wesentliche der Philosophie Friedrich Weinrebs
von Israel Koren

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TEIL 5

Die Hermeneutik Weinrebs

Da die Heilige Schrift unmittelbar aus der spirituellen Welt hervorgeht, hat sie einen direkten Einfluss auf die innere Welt des Menschen. Indem wir die Bibel, die Quellen der talmudischen Weisen und der Kabbala studieren, erlernen wir, in der mythischen Dimension zu leben, in der alles eine göttliche Bedeutung hat. Dieses Erlernen hängt davon ab, ob wir den Schlüssel finden, der zu einem Verständnis des vollen Kontextes der überlieferten Mitteilungen führt, und der dazu befähigt, diese Schriften in eine zeitgenössische Sprache und Zustand zu übersetzen. Es ist nicht der zeitliche Abstand, der die Schwierigkeiten verursacht, diese Botschaften zu verstehen, sondern die Verschiedenheit unserer allgemeinen Wahrnehmung. Prinzipiell ist die Analyse eines alten Textes genau so schwierig wie die Analyse eines Traumes.

So wie die Entfremdung zischen der internen und externen Welt des Menschen, oder entsprechend des Unterbewusstseins und der bewussten Welten, sind wir in unserem Verstehen blockiert. Um die Mitteilungen, die von der Überlieferung abstammen, zu begreifen, ist eine hermeneutische Methode und ein direkter Zugriff zum menschlichen Unterbewusstsein erforderlich. So ist Weinrebs grundlegende Betrachtungsweise der Bibel, seiner Annährung zum Midrasch, der Aggada und der Kabbala ähnlich. Hermeneutik unterstützt das Umwandeln der Heiligen Schrift in eine Übersichtskarte des menschlichen Geistes, mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten, sowie die Reflexion des menschlichen Weges auf Erden. Darüber hinaus wird die Bibel zu einer Entschlüsselung der Zeit, welche es dem Menschen ermöglicht, zu erkennen, in welchem Entwicklungsstadium er sich befindet, und zu erlernen, die vorherrschenden Kräfte in der Evolution, sowie dass, was die Struktur der Zeit ist, zu erkennen.

Das kardinale hermeneutische Instrument ist die Sprache. Wie das Verständnis der Sprache in der prophetischen Kabbala, geht Weinreb davon aus, dass die hebräische Sprache das Wesentliche der Phänomene und ihre bedeutsamen Wechselbeziehungen beschreibt. Die hebräische Sprache durchlief eine Krise in der Zeit der Generation des Turmes von Babel. Zeitgenössisches Hebräisch und altes Hebräisch sind nicht identisch, und daher nennt Weinreb die vor der Krise verwendete Sprache, 'die ursprüngliche Sprache'.
Die hebräische Sprache kann uns in bester Weise durch ihren inneren Aspekt, der das Numerische ist, zurück zu der ursprünglichen Sprache führen. Weinreb nennt den numerischen Aspekt des Wortes 'die andere Seite des Wortes'. Die Zahlen in der Sprache belehren uns objektiver, als es die Wörter können, über die Essenz der Dinge. Dasselbe trifft auf die Wörter zu, die beides, sichtbare Objekte und abstrakte Konzepte, beschreiben.

Weinreb empfindet, dass, sobald die Sprache geschaffen wird, sie vom numerischen Wert begleitet ist. Zahlen sind ein Ausgangsfaktor in der Sprache: Eine Reihenfolge von Buchstaben kann nicht ohne eine Reihenfolge von Zahlen sein. Da der Buchstabe Aleph dem Buchstaben Beth vorangeht, ist Aleph die Eins und Beth ist die Zwei. Des weiteren entsprechen die Namen und die Bedeutungen der Buchstaben ihrer numerischen Reihenfolge. Zusätzlich hat jeder Buchstabe seinen eigenen numerischen Wert, im Umfang der Maßeinheiten Zehner und Hunderter, die weitere Aspekte ihrer Beschaffenheit offenbaren.

Weinreb inkorporiert die Ideen von Pythagoras, der Kabbala, den Denkern der Renaissance wie Galileo und Descartes in sein Verständnis von Zahlen und von Sprache. Er empfing seine Auffassung der zentralen Rolle von Zahlen im Leben von den Pythagoreanern, die besagt, dass die Ordnung im Universum in der Wesensart numerisch ist. Weinreb vertiefte die Idee der ersten Denkern der Renaissance, dass numerische Verknüpfungen, sensorische Objekte besser erklären können als eine sensorische Erkenntnis. Numerische Interaktionen sind aufschlussreicher hinsichtlich des Verstehens der sensorischen Objekte, als es objektiver sensorischer Input ist. Sie sind die abstrakten Formeln, die ein größeres Verständnis der fühlbaren Phänomene erleichtern. Weinreb adoptierte die Verwendung der Gematria als Hilfsmittel für seine Erläuterungen von der Kabbala, und er brachte die Ansichten Descartes und Galileos über die physikalische Wirklichkeit in das Umfeld der Sprache mit ein.

Dennoch, bewahren sich die Wörter selbst eine bestimmte Affinität zur ursprünglichen Sprache. Sprache ist ein Geschenk der spirituellen Welt; sie wird von der mythischen Dimension aus abgeleitet, und dem gemäß hat sie, ebenso wie die Exaktheit, auch die Eigenschaften der Flexibilität und Vielheit. Wie Weinreb es ausdrückte, haben die Wörter die Fähigkeit, zu erweitern. Sie decken den Wert der Dinge, so wie sie im spirituellen Bereich existieren, auf, und als solche dient die Sprache als eine Brücke zwischen dem Vergänglichen und den Ursprüngen, dem Endlichen und dem Unendlichen, sowie dem Historischen und dem Wesentlichen. Darum ist Sprache die Grundlage aller Kommentarmethoden, die Weinreb verwendet.

Zusammen mit der linguistischen Hermeneutik Weinrebs bestehen drei weitere hermeneutische Thesen, die wir vorher erwähnten, da sie mehr als eine metaphysisch-historiosophische und anthropologische Betrachtungsweise repräsentieren.

Die erste These ist inhärent im symbolischen Verständnis der Heiligen Schrift. Weinreb erklärt, dass die Heilige Schrift einen mythische Zugang zur Welt reflektiert, in der jedes Objekt eine spirituelle Signifikanz, und folglich eine Funktionen als Symbol besitzt. So tragen die Objekte - Tiere oder Dinge, die Pflanzenwelt und geographische Orte - die in der Heiligen Schrift erscheinen, alle eine symbolische Signifikanz. Diese Signifikanz wird mittels der Sprache offenbart.

Die Typologie ist die zweite hermeneutische Methode, und sie spielt eine wichtige Rolle in Weinrebs Erläuterungen der Schriften. Im Mittelpunkt seines Werkes steht das Studium der evolutionären Zeit durch das Kommentieren der Schriften. Die Beschäftigung mit der Struktur der Zeit und der Evolution sind wichtige Punkte der Schreiben Weinrebs, und das letzte Kapitel in dieser Dissertation soll diesem Thema gewidmet sein. Die These Weinrebs bezüglich der typologischen Ordnung der Zeit, die in der Heiligen Schrift studiert werden kann, führte zu seiner übergreifenden Verwendung der Typologie. Seine Weltsicht und Hermeneutik werden unauflöslich kombiniert. Weinrebs Begriff der Formen in der Zeit bringt typologische Kommentare hervor, denn, wenn ein Gebilde oder ein bestimmtes Prinzip sich verdichtet, und eine Form innerhalb der Zeit annimmt, ist es wahrscheinlich, dass es sich von Zeit zu Zeit wieder verfestigt: So wie eine Form in der Zeit, eine Blume zum Beispiel, die jeden Frühling immer wieder erscheint. Wie diese Abhandlung zeigen möchte, verleiht Weinreb den hermeneutischen Methoden, die in der Vergangenheit angewendet wurden, erneuerten Inhalt und Signifikanz.

Es sollte betont werden, dass die typologischen Strukturen, die Weinreb in der Struktur der Zeit in seinem Kommentar zur Heiligen Schrift aufdeckt, ungleichartig sind. Drei Arten der Typologie sind in den Erläuterungen Weinrebs erkennbar: Ich habe die erste eine zyklische Typologie genannt. Ihre Signifikanz ist die der Geschichte, wir können sich ständig wiederholende zeitliche Abläufe feststellen. Die zweite Typologie habe ich als entwicklungsgemäße Typologie definiert. Diese Typologie ist nicht zyklisch, sondern spiralartig, mit anderen Worten postuliert sie, dass sie sich von einem Zyklus zum anderen entwickelt. Die dritte wird inverse Typologie genannt, wenn ein spezifisches Ereignis eintritt und sich  innerhalb einer gegebenen Zeit herausformt; in Übereinstimmung mit einem zukünftigen Geschehnis mit einem klaren eschatologischen Charakter. Es ist die Zukunft, welche die Struktur und die Methode erschafft, nicht die Vergangenheit.

Die dritte hermeneutische These hängt mit der ersten zusammen, aber sie hat mehr eine anthropologische, oder (um exakt zu sein) archetypische Qualität. Die Gestalten in der Heiligen Schrift besitzen noch eine zusätzliche Bedeutung über ihre externe, historische und unmittelbare Signifikanz hinaus. Diese Figuren sind die internen Stimmen des menschlichen Geistes, und diese Kräfte agieren und funktionieren so lange in der menschlichen Innenwelt, wie die Geschichte fortbesteht. Dieses bleibt ebenso für die Berufe und die Funktionen in der Bibel zutreffend: Jäger, Priester, Leviten, Weinbauer, Schäfer, Kinder und Erwachsene, Frauen und Männer sind der innere Gehalt von Zuständen im menschlichen Geist. Erneut bleibt nichts in der Heiligen Schrift ohne eine innere Signifikanz, welche die historische Bedeutung überschreitet.

Weinreb macht ferner geltend, dass die Heiligen Schriften und die Mythen, prinzipiell von einer Quelle der Inspiration stammen, und man sich ihnen deshalb mit den gleichen Kommentarmethoden annähern kann: Er wendete diese Grundregel bei der Bibel, der mündlichen Überlieferung, sowie beim Neuen Testament an. Weinrebs Erläuterungen zum Neuen Testament haben typologische, mythische und archetypische Charakterzüge in Übereinstimmung mit den vorher erwähnten Prinzipien: Er gibt dem Neuen Testament ein universelle Dimension, welche das Christentum überschreitet, und er enthüllt außerdem  interessante Verbindungen zwischen dem Neuen Testament und der Heiligen Schrift.

 

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